Das Unglück vom Schwanenstein

Die Sturmnacht vom 12. zum 13. Februar 1956

Gedenktafel am Schwanenstein
weitere Informationen zum Schwanenstein und anderen Findlingen auf Rügen

Das Thermometer fällt weiter. Seit Wochen spielt der der Wind seine Trümpfe aus. Unter Schneesturm und klirrendem Frost stöhnt die die Insel Rügen. Die Wellen der Ostsee haben sich in starrende Eisbarrieren verwandelt. Schneeverwehungen, wie es sie nirgendwo auf dem Festland gibt, sperren die Straßen nach Arkona, Stubbenkammer und Mönchgut. Die Insulaner haben es in diesen Tagen doppelt schwer. Aufopferungsvoll ist der Kampf gegen Eis und Kälte, die in Lohme drei junge Menschenleben forderten und hunderten gefiederten Sängern bittere Not und Tod brachten. Wer Rügen in diesen Tagen erlebt hat, wird von Heldentaten des Alltags berichten müssen.
Während bei Serams (Südrügen) ein Dutzend Menschen, die 19 Stunden mit dem Göhrener Bus im Schnee festsaßen, gerettet wurden, hat am Strand von Lohme der eisige Tod die Oberhand behalten. Hier gibt es nichts, was den Sturm aufhält. Mit Macht wirft er sich auf das Ufer, im Handumdrehen das Eis zersplitternd.

Am Spätnachmittag haben 3 Jungen aus dem Lohmer Kinderheim einen Weg über das Schaumeis zum Schwanenstein gefunden. Der Nordost wird stärker, das Eis wird aufgerissen und der weg zum Land abgeschnitten. Die Brandung wird immer stärker. Welle um Welle bricht sich am Stein, ihn und die Kinder mit eisigem Wasser überschüttend.

Um 19.30 Uhr klingelt beim Direktor des Fischkombinats zum ersten Mal das Telefon. Im Nu ist das Notwendigste getan, um das Bemühen der Grenzpolizei und einiger Lohmer Fischer sowie der Matrosen der Baltischen Rotbannerflotte von Ranzow, die drei Kinder zu retten, vom Kombinat aus zu unterstützen.

Nach einigen Minuten bereits fährt die Saßnitzer Feuerwehr mit einem Schlauchboot nach Lohme ab. Auf der Halbinsel Jasmund aber haben sich Schnee, Sturm und Frost (bis minus 30 Grad) zu einer solchen Macht verbunden, die ab Hagen ein Vorwärtskommen nur noch im Pferdeschlitten zulässt. Das Schlauchboot muss aber zum Strand, von ihm erhofft man sich die einzige Rettungsmöglichkeit.

Wer will das beschreiben, was inzwischen die Männer am Strand taten. Worte reichen nicht aus, ihren verzweifelten Kampf um das Leben der Kinder zu schildern. Mehr als einmal ließen sich die jungen Männer, deutsche als auch sowjetische, anseilen, um schwimmend den Stein zu erreichen. Mehr als ein Mal trieben Sturm und messerscharfe Eisschollen sie an das Ufer zurück.

Wer findet Worte für die Wut, die jeden ergriff, wenn die Brandung Boote erfasste und mit Wasser füllte, noch ehe jemand das Ruder in die Hand nehmen konnte, wenn Gischt und Sturm die vom Schlauchboot ausgelegten Leitern wie Streichhölzer zerknickten? Der Schwanenstein bei Lohme

Vom Schwanenstein dringt noch das Rufen der Jungen, und die Männer am Strand geben es nicht auf.

Ein Pionierzug wird alarmiert. Er soll trotz Sturm und Eis eine Notbrücke schlagen. Im baumhohen Schnee auf Jasmund bleibt auch er stecken.
In Berlin/Karlshorst wird ein Hubschrauber angefordert. Der zum Orkan angewachsene Sturm lässt ein Kommen nicht zu.

Im vereisten Hafen von Saßnitz macht der Kutter SAS 219 seine Leinen los. Gerhardt Lüdtke, Kapitän und verdienter Aktivist, läuft aus, um von See aus die Rettung zu versuchen. Schießleinen sind an Bord. Als Besatzung hat er diesmal noch einige andere und durchaus erfahrene Kapitäne mitgenommen. Alleine das Auslaufen aus dem Hafen werten die Saßnitzer als Heldenstück. Auf See aber wird das Schiff kopflastig. Von Minute zu Minute steht am Bug und am Mast zum Beispiel mehr und mehr Eis an, und man muss für Schiff und Besatzung das Schlimmste befürchten. So bekommt auch der Kutter SAS 219 die Küste von Lohme nicht zu Gesicht.

Auf dem Schwanenstein vor Lohme geht ein Drama zu Ende. Im flackernden Schein einer Leuchtrakete erkennt man den Felsen und die drei jungen Menschen, zu Eis erstarrt. Und wieder nimmt die donnernde Brandung jede Sicht.

Wir haben uns als Väter gefragt, so erklärte uns der Direktor des Fischkombinates, Genosse Ernst Eutin, ob wir alles Menschen mögliche getan haben, die Jungen zu retten. An Ort und Stelle haben wir uns die Antwort gegeben. Ja, wir taten es.

Am nächsten Morgen herrschte Windstille. Ruhig und still, wie der Herthasee lag die Ostsee, als wäre nichts geschehen.

Die Toten konnten erst am 14. Februar 1956 gegen 10 Uhr vormittags geborgen werden. Es waren die Schüler:

Der Grabstein auf dem Friedhof
Helmut Petersen
3./4. Klasse
Uwe Wassilowsky
8. Klasse
Manfred Prewitz
7. Klasse



Am 17. Februar 1956 fand im Kinderheim die Trauerfeier statt.

Die Beerdigung fand auf dem Friedhof Nipmerow statt.


Auf Initiative von Kindern des Kinderheimes Lohme wurde
am 14. Februar 1995 das Grab mit einem Grabstein versehen.
Quelle: Heinz Müller „Lohme auf Rügen – Eine Entdeckungsreise zwischen Königsstuhl und Kap Arkona“
Chronik der Gemeinde Lohme