Die Festung Rügen

Der Strand bei Glowe an der Schaabe

Die geplante Festung Rügen der DDR

Das DDR-Regime wollte ab 1953 Deutschlands größte Insel zu einer riesigen Flottenbasis umbauen. Mit der „Aktion Rose“ wurden im Frühjahr 1953 in der DDR über vierhundert Kleinunternehmer entlang der Ostseeküste enteignet, vor allem Besitzer von Hotels und Pensionen. Die, die sich nicht rechtzeitig in den Westen absetzen konnten, kamen in Haft. Offiziell war die Aktion der Volkspolizei gegen Schwarzhändler, Schieber und Agenten aus dem imperialistischen Ausland gerichtet.
Rund vierhundert Kriminalpolizisten aus Sachsen kamen an die Ostseeküste und sollten vor allem nach illegalen Einnahmen und Verbindungen in den Westen suchen. Als Beweis der gegnerischen Einstellung genügte schon eine Packung West-Kaffee, hunderte Menschen kamen so vor Gericht und wurden auch verurteilt.

Doch Hauptsächlich war der ideologische Hintergrund folgender: Es ging um Platz für volkseigene Erholungsheime und Ferienlager an der Ostsee. Weniger bekannt ist jedoch ein anderes Motiv, warum ausgerechnet Deutschlands größte Insel Rügen von diesen Maßnahmen im Besonderen davon betroffen war. Entgegen der offiziellen Version der Partei vom zukünftigen Arbeiter-Ferienparadies sollte die Insel zu einem militärischen Bollwerk ausgebaut werden. Das alles geschah natürlich in enger Absprache mit dem Waffenbruder Sowjetunion, der sich hier einen Vorposten im Kalten Krieg erhoffte.

Gigantisch waren die Dimensionen dieses Projekts: Die DDR sollte einen Marinestützpunkt in der Größenordnung des Hamburger Hafens erhalten. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der Arbeiter- und Bauernstaat offiziell über keine Seestreitkräfte, es wurden jedoch bereits kleinere Kriegsschiffe mit Unterstützung der Sowjetunion gebaut und Seeleute rekrutiert. Den Kern der späteren DDR-Marine bildete die Kasernierte Volkspolizei - Abteilung Seepolizei. Für die angestrebte Flottenstärke von 315 Schiffen fehlten allerdings noch Hafenanlagen die groß genug gewesen wären. Der Hauptkriegshafen der DDR sollte der Rügenhafen werden.

Die Pläne der preußischen Regierung und das dritte Reich

Neu war allerdings war die Idee, die Insel zur Festung auszubauen nicht. Bereits im Jahre 1853 hatte die preußische Regierung erste Pläne für einen Flottenstützpunkt auf der Insel Rügen anfertigen lassen. Nachdem Schleswig-Holstein an Preußen gefallen war, gab es jedoch eine kostengünstigere Alternative, und so wurde Kiel zum wichtigsten Marinestützpunkt der preußischen Marine.

Die Nazis griffen 80 Jahre später diesen Plan wieder auf. Wie sie in der Nordsee damit begannen, Helgoland zu einer gigantischen Seefestung gegen Großbritannien auszubauen, so sollte rund um das Kap Arkona eine Hauptmarinebasis in der Ostsee entstehen. Karl Dönitz, der spätere Großadmiral und kurzzeitige Hitler-Nachfolger war es, der vor allem die Pläne für den Rügenhafen vorantrieb. Die Anlage war als Basis für den U-Boot-Krieg gedacht, mit Blick auf den erwarteten Krieg gegen Polen und die Sowjetunion. Geplant war ein riesiger Bunker, rund 800 Meter lang und ca. 200 Meter breit. Über fünfzig U-Boote sollten hier zukünftig im Schutze von Stahlträgern und meterdicken Betondecken im großen Jasmunder Bodden liegen. 1938 wurde schließlich mit den Arbeiten begonnen, jedoch der Kriegseintritt Englands brachte die Wende. Fortan konzentrierte sich der U-Boot Krieg auf den Atlantik und die Arbeiten auf Rügen kamen glücklicherweise zum Stillstand. Nach 1945 wurden bereits bestehende Landungsbrücken zurückgebaut. Es schien undenkbar, dass man bereits wenige Jahre später zum dritten Mal in der Geschichte damit beginnen würde, die Insel Rügen zur Festung auszubauen.

Die Festung Rügen

Bunker an den Stränden Rügens

Von den sowjetischen Militärbefehlshabern ermutigt, schwelgten die DDR-Planer in Superlativen: Innerhalb von zehn Jahren sollten im Norden der Insel, auf der Höhe des heutigen Badeortes Glowe, mehrere Hafenbecken, dazu Kasernen und riesige unterirdische Munitionsdepots entstehen. Eine Reihe von Artilleriestellungen war geplant, ebenso wie der Bau von Zufahrtsstraßen, Bahnlinien und Flughäfen. Die halbe Insel Rügen wäre dann zum Sperrgebiet geworden.

Wie schon in der Nazizeit sollte der Jasmunder Bodden das Zentrum bilden: Hafenanlagen und Kasernen sollten an seinem Ufer errichtet werden. Der Bodden ist bei Glowe nur durch eine schmale Landzunge, die Schaabe, vom Tromper Wiek und damit der Ostsee getrennt. Man plante einen 90 Meter breiten und 12 Meter tiefen Kanal zwischen dem Bodden und der Ostsee. Diese Ausmaße hätten auch großen Kriegsschiffen die Durchfahrt ermöglicht. Für diesen Kanaldurchstich zwischen Ostsee und Jasmunder Bodden hätten rund 5,3 Millionen Kubikmeter Erdreich bewegt werden müssen.

In der Gegend zwischen Ralswiek und Lietzow, dort wo heute alljährlich die Störtebeker-Festspiele stattfinden, waren mehrere U-Boot Bunker vorgesehen. Allein für diesen Stützpunkt veranschlagte man 2,55 Milliarden DDR-Mark, eine für damalige Verhältnisse absurd hohe Summe, vor allem wenn man berücksichtigt, dass die DDR zu diesem Zeitpunkt nur ein paar aus der Ostsee geborgene Wehrmacht U-Boote zu Übungszwecken besaß. Zusätzlich zu den Kaianlagen, Depots und Kasernen plante man zugleich den Bau einer Großwerft. Für bis zu 20.000 Werftarbeiter sollten eigens Siedlungen errichtet werden, es gab sogar schon Entwürfe einer Wohnstadt für 100.000 Menschen.

Bereits im Januar 1953, unmittelbar nach der „Aktion Rose“, waren schon die ersten Schaufelradbagger angerollt. Innerhalb weniger Monate stampfte man eine ganze Infrastruktur aus dem Boden. Eisenbahnschienen wurden verlegt und Umgehungsstraßen gebaut. Für das monströse Vorhaben war eigens ein Kombinat gegründet worden: die Bau-Union Nord VEB; sie unterstand direkt dem Innenministerium. Neben den gut verdienenden Facharbeitern schufteten auch mehrere Tausend Zwangsarbeiter auf der Großbaustelle. Bis zu fünftausend Häftlinge waren in einem Straflager bei Glowe untergebracht. Schon im Sommer 1952 hatte die Volkspolizei in Lietzow und am Rügendamm bei Stralsund Kontrollstellen eingerichtet. Jeder der die Insel betreten oder verlassen wollte, musste diese Übergänge passieren. Die halb fertigen Großbauten der nationalsozialistischen KDF Ferienanlage bei Prora wurden zu Kasernen der Volkspolizei umfunktioniert.
Entlang der Schaabe wurde das gesamte Baugebiet abgeriegelt. Im April 1953 ordnete das Zentralkomitee der SED dann die vollständige Räumung der Orte Glowe, Spyker und Baldereck an. Alle Privatpersonen sollten umgesiedelt werden, das waren mehr als sechshundert Menschen.

Kurskorrektur der Regierung in Ost-Berlin

Doch auch hier kam es glücklicherweise wieder anders: Die innenpolitische Lage nach den Unruhen des 17. Juni zwang die Regierung in Ost-Berlin zu einer Kurskorrektur. Innerhalb weniger Wochen wurde die Großbaustelle Rügenhafen abgewickelt. Bereits im August 1953 zogen die letzten Arbeiter ab. Die Bewohner von Glowe und den umliegenden Orten konnten bleiben und aus dem Straflager wurde der „Jugendwerkhof Makarenko“. Heute zeugen nur noch ein paar Baracken und Sandhügel von dem aufgegebenen Großprojekt. Nur Besucher mit Ortskenntnis und geübtem Auge können bei Glowe noch den Einstich zum geplanten Kanal erkennen.

Informationsquelle: www.zeit.de

Karte des Durchstiches bei Glowe
Auf aktuellen Satellitenbildern sind noch zwei Kanäle des geplanten Durchstiches zwischen Bodden und Ostsee bei Glowe erkennbar. Auf der Karte sind die Standorte der folgenden Bilder gekennzeichnet.

Reste des geplanten Durchstiches zwischen Bodden und Ostsee bei Glowe 1
Bild 1
Reste des geplanten Durchstiches zwischen Bodden und Ostsee bei Glowe 2
Bild 2


Reste des geplanten Durchstiches zwischen Bodden und Ostsee bei Glowe 3
Bild 3


An dieser Stelle war der Durchstich von der Ostsee in den großen Jasmunder Bodden geplant. Glücklicherweise ist es nie dazu gekommen.