Kegelrobben kehren nach Rügen zurück

Kegelrobben auf Rügen

Kegelrobben vor Rügen

Die Kegelrobbe ist Deutschlands größtes Raubtier. Lange Zeit war sie aus den deutschen Ostseegewässern verschwunden. Nun wird sie wieder vermehrt in den Gewässern rund um Rügen gesichtet und erobert sich die Insel als Heimat zurück. Neben dem Greifswalder Bodden siedeln sich die Robben auch am Kap Arkona vermehrt an.


Die Ostseezeitung veröffentlichte am 11.11.2011 dazu einen ausführlichen Artikel von Rico Nestmann, der hier auszugsweise wiedergegeben wird.

Deutschlands größte Insel ist reich an seltenen Tier- und Pflanzenarten, außergewöhnlichen Landschaften sowie kostbaren Lebensräumen. Seeadler, Kranich, Zwergseeschwalbe — nur drei von vielen heimischen Vogelarten, die zwischen Bodden und Meer leben, streng geschützt sind und darüber hinaus das Herz zahlreicher Naturfreunde höher schlagen lassen. Besonders die Kraniche avancieren mehr und mehr zu einem echten Tourismusmagneten. Im Herbst sorgen die „Vögel des Glücks“ für zahlreich belegte Gästebetten in der Region. Dafür könnte in absehbarer Zeit auch eine andere Tierart sorgen, die für viele Menschen in unseren Breiten noch als Exot gilt — die Kegelrobbe.

Fahrten mit dem Ausflugsdampfer zu den Liebeplätzen der Kegelrobben im Greifswalder Bodden, Beobachtungspunkte an der Steilküste im Rügener Inselnorden — zwei touristische Angebote zum Entdecken und Erleben von Kegelrobben, von denen ersteres Projekt bereits in die Tat umgesetzt wurde. Seit Dezember 2009 können interessierte Gäste mit der Weißen Flotte ab Lauterbach in See stechen, um mit etwas Glück an einer Untiefe im Greifswalder Bodden Kegelrobben beim Schwimmen, Fischen und Ausruhen zu beobachten. Bis zu 13 Tiere auf einmal konnten dabei in diesem Jahr schon gezählt und beobachtet werden. Mit im Boot sitzen das Amt für das Biosphärenreservat Südost-Rügen sowie das Bundesamt für Naturschutz (BfN), vertreten durch die Internationale Naturschutzakademie Vilm (INA).

In den Startlöchern steht auch das zweite Projekt, das am Kap Arkona realisiert werden soll. In den vergangenen Jahren häuften sich Nachweise von Kegelrobben im Rügener Inselnorden, die das Kap Arkona als exponierten Küstenpunkt in der südlichen Ostsee mehr und mehr ansteuern. Da die Gemeinde Putgarten vor der Haustür über geeignete Naturschutzgebiete verfügt, soll hier ein Naturtourismus zu den Kegelrobben entstehen, der zu einem weiteren Highlight in der Kap-Gemeinde werden könnte. Experten sind sich einig, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann das erste Kegelrobbenbaby an Rügens Küsten das Licht der Welt erblickt.

Wiederansiedelungsprojekte von Kegelrobben in der südlichen Ostsee scheiterten bisher immer am Widerstand der Fischer, doch wenn Kegelrobben aus eigener Kraft nach Mecklenburg-Vorpommern zurückkehren, fallen sie automatisch in den Wirkungsbereich bestehender Naturschutzgesetze. Denn mit ihrer Rückkehr erobern die mächtigen Raubtiere nur ihre früheren Lebensräume zurück, die sie einst zu tausenden bevölkerten. Um 1900 lebten im Bereich der gesamten Ostsee mehr als 100 000 Kegelrobben. 1980 waren sie fast ausgerottet. Der aufkommenden Fischerei waren die Tiere ein Dorn im Auge, weil sie Stellnetze und Reusen beschädigten und wie der Mensch der schuppigen Beute nach dem Leben trachteten. 1885 wurden so genannte „Todesprämien“ für Kegelrobben gezahlt. Eine abgetrennte Schnauze reichte als Beweis, der versilbert wurde. 1920 wurde die letzte Kegelrobbe an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns erlegt.

Verheerender als Blei und Büchse waren jedoch Umweltgifte, die mit der zunehmenden Industrialisierung der Küstenorte die Gewässer vergifteten. Da die Ostsee ein flaches Binnenmeer ist, war die Schadstoffkonzentration hier besonders hoch. Die Robben wurden krank und unfruchtbar, der Fortbestand der Art in unseren Breiten war erloschen. Heute leben in der gesamten Ostsee wieder 22 000 Tiere — vor allen Dingen in der Schärenwelt Schwedens und Finnlands sowie auf kleineren Inseln des Baltikums. Die Wiederbesiedlung der südlichen Ostsee hat vor mehr als zehn Jahren begonnen. 2002 wurden im dänischen Rodsand Kegelrobbenjunge geboren — nur 40 Kilometer von Warnemünde entfernt. Da der Greifswalder Bodden traditionelles Laichgewässer für Heringe und Hornfische ist und Kegelrobben dieser Beute folgen, hat sich das kleine Vorkommen vor unserer Haustür in den letzten Jahre mehr und mehr stabilisiert.

Quelle auszugsweise: OZ/LOKAL/RUE vom 11.11.2011